Donnerstag, 27. Mai 2010

Arztbrief

Heute war Panik angesagt. Bei Mutters Entlassung aus dem Krankenhaus bekam Vater einen Arztbrief mit, mit dem er schon beim Hausarzt war und der ihm schon alles erklärte. Körperlich kein Befund, alles ok, beginnende Demenz. Soweit so schlecht. Dann kam heute ein Brief vom Krankenhaus, adressiert an meine Mutter. Sie dachten, eine weitere Rechnung, Mutter ist ja privat versichert. Und sie macht den Brief auf, ist es der Arztbrief, an sie adressiert, aber mit der Anrede an ihren Hausarzt, also eine Kopie. Meine Eltern verstanden nichts, wussten auch nicht, dass es der Arztbrief ist, waren völlig verworren und lasen irgendwo auf den sechs Seiten "bösartige Neubildung der Brustdrüse als Anamnese". Meine Eltern können kein Latein, so war ihnen nicht klar, was das heißt. Mutter las nur "bösartig" und "Brustdrüse" und brach sofort in Tränen aus. Sie müsse jetzt sterben. Sie war völlig verzweifelt.

Sie konnten mich nicht erreichen, da ich in einer Besprechung war, so panikten sie sich also in die Höhe. Zwei Stunden später kam ich zurück ins Büro und sah schon auf meinen Handy und dem Bürotelefon eltiche Anrufe meiner Eltern. Also rief ich zurück. Einen aufgelösten Vater am Apparat, im Hintergrund eine weinende Mutter.

Bis sie dann fanden, was sie mir vorlesen wollten, bis ich es dann auflösen konnte, dass das der alte Befund ist, dass damit ihre vergangene Krankheit gemeint ist, das dauerte. Dann waren sie erleichtert, aber ich liess mir die Telefonnummer geben, es war das Sekretariat des Chefarztes. Und dann rief ich an. Und fragte, was das denn nun solle.

Das habe man mit der Patientin so vereinbart. Wie bitte? Sie geben dem Ehemann den Arztbrief mit und vereinbaren dann mit einer dementen Patientin, dass sie ihr das nochmal schicken? Und dann kams, ja man habe ja nicht gewusst, dass sie dement sei. Wie bitte? Blicken sie bitte auf Seite 6 auf Punkt 35, was steht da? Richtig, mittelschwere Demenz. Ja wer spinnt denn nun?

Ich bin dann ausgerastet, sie sollten doch bitte vorher denken, ich habe jetzt zwei völlig verzweifelte alte Leute in 460 Kilometer Entferunung und könne jetzt gucken, wie ich sie wieder auf den Boden der Tatsachen kriege.

Kein Wort der Entschuldigung, kein Wort des Verständnisses. Das sei nunmal so.

Boah war ich geladen. Ich habe das schonmal erlebt, als Mutters Gallenblase platzte. Sie lag mit unbestimmten Bauchschmerzen im Krankenhaus, vor ca. einem Jahr, da war von Demenz noch nichts spürbar, jedenfalls nicht für uns. Sie hatte wie gewöhnlich ein Telefon auf dem Zimmer und Vater rief mehrmals am Tag an. Vor allem jeden morgen. In der zweiten Nacht dann platzte die Gallenblase und man musste sie notoperieren. Sie kam also auf die Intensivstaton. Und wie das in so Verwaltungen ist, hat man dann das Telefon abgeklemmt. Und nebenbei meinen Vater NICHT informiert.

So rief er wie gewohnt am morgen an, war nur eine Automatenstimmte die sagte, diese Nummer sei abgestellt. Er hat das immer wieder versucht, drei Stunden lang. Dann rief er mich an. Ich habe damals einen Fehler gemacht, ich hätte selber anrufen sollen, statt dessen sagte ich ihm, rufe doch die Zentrale an, vielleicht hat Mutter aus versehen wo drauf gedrückt und das Telefon funktioniert nicht mehr. Er rief also an. Und man sagte ihm dann, ja wissen sie nicht, dass sie notoperiert wurde, sie liegt auf der Intensivstation. Mehr wusste der Auskunftgebende aber leider auch nicht.

Dann hatte ich einen völlig aufgelösten Vater am Apparat, ich war grad mit den Hunden unterwegs. Er hat nur noch geheult, weil er seine Frau nicht erreichen konnte und keine Auskunft bekam und von den Worten Notoperation und Intensivstation nur noch Angst hatte. Ich habe dann mitten auf dem Feld dort angerufen (es war ein anderes Krankenhaus) und als die Sekretärin des Chefarztes mich fragte, was denn los sei, da brachen bei mir alle Dämme und ich habe nur noch geschrieen, ich habe mir selber zugeschaut, aber ich konnte mich nicht mehr bremsen. Die Frau konnte ja nix dafür, aber sie kriegte alles ab. Wie gehen sie mit alten Menschen um? Was muten sie älteren Ehepartnern zu? Was glauben sie, wie das bei einem über 70jährigen ankommt?

Sie hat aber sehr professionell reagiert, hat sich meine Nummer notiert, mir versichert, es werde in den nächsten 10 Minuten die Oberärztin anrufen, der Chefarzt sei im OP. So geschah es auch. Die Oberärztin rief an, entschuldigte sich für diesen Fauxpas und erklärte mir, was genau Sache ist und versicherte mir, sie werde sofort meinen Vater anrufen, es täte ihr alles furchbar leid, so sei es nicht richtig, es sei halt von der Verwaltung die Abschaltung angeordnet worden, weil das Telefon ja nicht mehr gebraucht werde, es sei aber keinem bewusst gewesen, was das zur Folge haben könne.

Dann rief sie Vater an, entschuldigte sich, erklärete alles und wenn mein Vater in den kommenden Tagen zu Besuch war, kam jedesmal ein weiterer Oberarzt und erklärte alles.

So geht es auch.

Fehler können, auch wenn sie noch so tragisch sind, leider immer passieren. Aber man muss es auch einsehen und entsprechend handeln. In der Klink in Salzwedel konnte man das, man sah den Fehler ein, redete darüber und wurde tätig. In dem Krankenhaus jetzt war das leider nicht möglich.

Schon als ich Mutter in die Klink brachte, war mir gleich klar, dass da einiges im Argen liegt. Ich wurde die Information, dass Mutter dement ist und man sie deshalb nicht alles fragen könne und damit rechnen müsse, dass ihre Antworten falsch seinen, einfach nicht los. Ich war ja am ersten Tag dabei, wo sie zum Untersuchungsmarathon geschickt wurde. Jedes Mal traf ich auf einen ahnungslosen Arzt. Also die Info wurde einfach nicht weiter gegeben. Am "lustigsten" war das bei der Ultraschalluntersuchung. Der Arzt offensichtlich auch wieder ahnungslos, fuhr mit dem Ultraschallgerät über den Bauch meiner Mutter. Ob sie noch eine Gallenblase hätte. Aber selbstverständlich sagte sie mit der ihr eigenen Vehemenz. Ich sah, wie der Arzt hektisch mit dem Gerät über ihren Bauch fuhr, er konnte ja nix finden, weil die Gallenblase nicht mehr da war. Sind sie sicher, frug er noch. Aber selbstverständlich junger Mann, sagte meine Mutte mit gewinnendem Lächeln.

Er fuhr immer hektischer mit dem Gerät über ihren Bauch. Dann schritt ich ein. Sehen sie die Narbe dort? Ja, äh... eben, das ist die OP-Narbe der Gallenblasenoperation, meine Mutter hat nämlich keine Gallenblase mehr. Und dann Mutter!! Wirklich nicht? Wo ist die denn? Mama, Du bist doch operiert worden. Ich? Wirklich? Ja Mama...

So ging das den ganzen Tag, bei jeder Untersuchung, ich bin dann zur Verwaltung gestapft und habe gefragt, was ich tun müsse, dass eine Information den Betreffenden erreiche, ohne dass ich ausraste...

Geholfen hat es, wie wir an der Zusendung des Arztbriefes sehen, nichts.

Der Chefarzt in der Klinik hier mag ja medizinisch gut sein, organisatorisch ist er eine Niete. Der Fisch beginnt am Kopp zu stinken. In Salzwedel hat man es verstanden, Fehler können wirklich überall passieren. Das ist einfach so. Aber der Wille, aus Fehlern zu lernen, ist leider nicht überall gleich.

Mutter ist ja in Salzwedel an ihrer krebskranken Brust operiert worden, dort wurde sie wirklich gut betreut. Von daher können wir Salzwedel echt empfehlen. Die können sogar aus Fehlern lernen.

Aber Mutter geht es wieder gut, ich habe alles lateinisch korrekt erklären können, sie sind beruhigt!!

Aber musst das sein?

Nein, es hätte vermieden werden können, wenn man ein wenig nachgedacht hätte und bereit wäre, aus Fehlern zu lernen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo,ich lese wirklich regelmäßig
das Krebstagebuch Ihrer Mutti und es tut mir sehr leid, dass es ihr nicht so gut geht. Ich war damals diejenige, die sie im Krankenhaus darauf angesprochen hat. Sie haben mich Krebsschwester genannt, ich bin aber eine Brustkrankenschwester, die Ihre Mutti von Beginn der Diagnostik über die Therapie mit betreut hat.
Nur muss ich jetzt mal meinen Senf dazu geben, denn Ihre Mutti wurde in der Klinik in SALZWEDEL behandelt. In Stendal fanden die ambulanten Bestrahlungen statt.
Bitte grüßen Sie Ihre Mutti herzlich von mir. Seien auch Sie ganz herzlich gegrüßt!

samate hat gesagt…

Da haben Sie Recht, es war natürlich Salzwedel, ich habe es in der Aufregung verwechselt, den Fehler aber soeben korrigiert. Ja, Mutter geht es leider nicht so gut, manchmal fühlt sie sich pudelwohl, dann ist sie wieder ganz durcheinander und verzweifelt. Weil sie es ja auch merkt.

Ich werde Ihre Grüße weiterleiten! Lieben Dank von uns allen und auch herztliche Grüße!!

Anonym hat gesagt…

Da freue ich mich aber, dass Sie sich gemeldet haben. Ich habe es geliebt, mit Ihrer Mutti zu plaudern....wir sind oft gar nicht zu der eigentlichen Arbeit gekommen, weil sie so viel aus ihrem Leben erzählt hat. So ging es uns auch während des Kosmetikseminars, sie hat dabei so herzlich gelacht!
Es ist halt immer sehr schmerzlich der Entwicklung zuzusehen und man kann nichts machen!!
Also nochmals herzliche Grüße aus Salzwedel

samate hat gesagt…

Liebe Brustkrankenschwester, ich soll Ihnen die herzlichsten Grüße von meinen Eltern bestellen!! Mutter hat sich sehr gefreut, von Ihnen zu hören.

Ja, sie konnte immer so schön erzählen und so lustig. Sie hat ja auch viel erlebt. Und sie hat immer so schön Stimmung verbreitet, es war meist sehr lustig mit ihr, die konnte die Menschen mitreissen, das konnte sie wirklich.

Nun greift die Demenz immer weiter um sich, sie erzählt zwar immer noch gerne, aber leider werden die Geschichten immer verworrener und sie wirft alles durcheinander.

Sie hat auch immer von Ihnen erzählt, Sie waren ihr eine große Hilfe. Das hat sie ja auch alles gut überstanden.

Die Demenz ist leider nicht einfach, vor allem für meinen Vater nicht, aber er wird immer besser darin, mit Mutter richtig umzugehen. Es hilft ja alles nichts, sie ist nicht mehr die alte Powerfrau, die alles regelte und bestimmte und mit beiden Beinen voll im Leben stand. Das ist vorbei.

Doch sie hat auch gute Tage, derzeit ist sie voller Ideen, den Garten umzugestalten. Das wird wahrscheinlich alles nichts werden, aber Vater hört ihr geduldig zu und lässt sie planen. Denn das macht ihr Freude.

Liebe Grüße auch von mir!!

Herr Doctor hat gesagt…

Auf http://www.docbrief.de kann jeder der seinen Arztbrief nicht versteht, sich diesen kostenlos "übersetzen" lassen.