Mittwoch, 5. Mai 2010

Verzweifelung

Morgen fahre ich zu  meinen Eltern, Vater hat ein Treffen mit seinen Kumpels, er fährt mit ihnen weg und ich passe auf Mutter auf. Ich wollte wissen, wie es ihr geht, so rief ich heute Vormittag an. Sie haben ein schnurloses Telefon. Wenn es in der Ladestation steht und ein Anruf kommt, dann brauchen sie es nur aus der Ladestation raus nehmen, dann haben sie das Gespräch gleich. Liegt es nicht in der Station, dann müssen sie auf einen Knopf drücken. Das versteht Mutter aber nicht mehr, sie drückt immer auf den Knopf. Wenn es in der Ladestation steht, klingelt es also, sie nimmt es raus und wenn sie dann auf den Knopf drückt, drückt sie das Gespräch damit weg. Ist Vater da, geht er hin und macht das dann. Ist er nicht da, kann man anrufen, so viel man will, wenn sie es immer wieder in die Ladestation stellt, drückt sie es dann weg. So hatte ich heute also etliche weggerückte Gespräche und dann immer sofort wieder angerufen in der Hoffnung, sie hat das Ding noch in der Hand. Nach x Mal anrufen hatte sie es dann noch in der Hand und also auf den Knopf gedrückt und ich hatte sie endlich am Apparat. Ich wusste, Vater kann nicht da sein, sonst würde das nur einmal passieren. Vater war einkaufen. Erfuhr ich dann später.

Ich hatte nämlich eine völlig aufgelöste Mutter am Apparat, sie verstehe nicht, wieso Vater schon gefahren sei, wo ich doch erst morgen käme und die Hunde würden ihr doch weglaufen und wieso er sie alleine lasse. Mama, dich lässt keiner alleine, Vater ist bestimmt einkaufen, er fährt doch erst Freitag, ich komme morgen und er fährt erst Freitag. Ja warum er ihr dass denn nicht gesagt habe und sie so im Ungewissen lasse... Mama, er hat es dir doch gesagt, er fährt Freitag und ich komme Donnerstag, einen Tag vorher. Ach so. Wann fährst du denn? Bin ich dann alleine? Nein Mama, du bist nicht alleine, ich fahre Dienstag und Vater kommt schon Montag. Ach so.

Vater war nur kurz einkaufen, manchmal geht das gut, oder meist geht das gut. Aber nicht immer. Mitnehmen kann er sie auch nicht, da sie den Einkaufswagen vollpackt, weil sie doch glaubt, nichts mehr im Haus zu haben. Das gibt dann immer Streit im Laden, weil die Kühltruhe voller Putenschnitzel ist und sie wieder 10 Stück einpackt. Oder 20. Er packt immer heimlich alles wieder raus, sie merkt das gar nicht, aber es ist eben sehr anstrengend, darum geht er lieber alleine einkaufen. Das dauert knapp eine halbe Stunde, das geht auch meist gut, aber eben nicht immer, dann ist sie völlig verzweifelt. Rennt ums Haus, manchmal in Schlafsachen, sucht ihn und findet ihn nicht. Dann kommt er und sieht sie schon umherirren.

Sie kann mich dann auch nicht anrufen, weil sie nicht mehr anrufen kann. Sie weiß nicht mehr, wie das geht. Also sie kann nicht mehr wählen.

Sie tut mir so leid, mein Vater tut mir so leid. Aber es ist, wie es ist. Es ist schrecklich, Demenz ist eine verdammt schreckliche Krankheit.

Kommentare:

steffi mö hat gesagt…

...meine Gedanken begleiten Sie zu ihrer Mutter und ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter trotz allem einen zauberschönen Muttertag...
herzlichst Steffi

samate hat gesagt…

Ach ja, danke für die lieben Grüße, leider ist der Muttertag regelrecht misslungen, wir verbrachten ihn im Krankenhaus und hoffen nun, es ist nicht allzuschlimm, was dort festgestellt wird!