Freitag, 11. Juni 2010

Sonne und Regen

Mutter lebt in einem Wechselbad der Gefühle, oft geht es ihr gut und oft geht es ihr elendig. Weil sie nicht versteht, was mit ihr passiert und weil sie dann sehr verzweifelt ist und sich furchtbar alleine fühlt. Heute war wieder so ein Tag, wo sie merkte, was sie alles nicht mehr weiss und darüber war sie sehr sehr verzweifelt. Eine Stunde später sieht es dann schon wieder ganz anders aus und sie ist fröhlich. Aber leider ist das nicht von Dauer. Die Niedergeschlagenheit lauert an jeder Ecke.

Der Arzt hat Vater gesagt, sie dürfe nicht mehr Auto fahren, weniger weil sie es nicht mehr könne, Demente bauen sehr selten Unfälle, sondern weil sie, kaum dass sie losgefahren sei, nicht mehr weiss, wo sie hinwolle und vor allem, wie es wieder zurück gehe. Das kann sie gar nicht verstehen und ist dann wirklich sehr verzweifelt, kommt sich bevormundet vor, was sie ja definitiv auch wird. Aber die Gefahr ist einfach zu groß. Alleine einkaufen kann sie auch nicht mehr, weil sie mit Unmengen von Lebensmitteln wieder aus dem Geschäft kommt, weil sie vergessen hat, dass sie alles noch zu Hause hat. Geld kann sie auch keins mehr abheben, weil sie ständig Geld abhebt, bis ihr Konto leer ist und zu Hause versteckt sie das Geld und vergisst es dann. Und hebt neues ab und vergisst es... ein Teufelskreis, den sie nicht mehr versteht. Vater laviert sich so durch, mit Ausreden und Überreden, weil sie es nicht mehr versteht.

Er muss auch auf alle möglichen anderen Sachen aufpassen, weil sie alles versteckt, aber nicht mehr weiß, dass sie es versteckt hat. Seine Kontokarte, seinen und ihren Ausweis, alles, was sie so findet, wenn man nicht aufpasst, versteckt sie. Und erinnert sich im nächsten Augenblick nicht mehr daran und dann geht die Sucherei los und sie ist völlig verzweifelt, weil sie meint, man unterstelle ihr, sie habe die Sachen versteckt. Es ist wirklich ein Teufelskreis.

Mit dementen Menschen kann man nicht reden, man kann ihnen nicht erklären, was los ist, könnte man es, wären sie nicht dement. Manchmal, in lichten Augenblicken, sind Gespräche möglich. Aber das sind nur Augenblicke und dann ist auch das wieder vergessen und man sucht erneut das Portemonaie oder den Ausweis oder den Autoschlüssel oder...

Sie kann leider auch nicht mehr anrufen, weil sie auch da nicht mehr weiss, wie das geht. Selbst wenn man ihr die Nummer aufschreiben würde, wüsste sie nicht, wie sie wählen soll. Und wenn jemand anruft und sie ans Telefon geht, passiert es immer wieder (wenn sie an das Schnurlose dran geht), dass sie die falsche Taste drückt und dann ist das Gespräch weg und dann kann man so oft anrufen, wie man will, sie drückt immer wieder die falsche Taste... wenn Vater nicht grad zufällig in der Nähe ist, dann kann man mit ihr nicht sprechen. Weil sie einfach nicht mehr weiß, wie das mit dem Telefon geht.

Es ist traurig, sie ist oft sehr verzweifelt und Vater ist es auch. Wie lange das noch so geht wissen wir nicht. So lange, wie es eben geht. Ihr Hausarzt behandelt sie, aber Demenz ist ja nicht richtig zu behandeln. Sie ist einfach nur zu begleiten. So schwer es auch ist.

Und es ist schwer.

1 Kommentar:

Eliane Zimmermann hat gesagt…

ohmei, ich bin eine der untreuen "regelmäßigen" leserinnen geworden. seit der winterpause geht es hier arbeits-, reise- und besuchermäßig wie auf dem taubenschlag zu.
deine schilderung der demenz ist erschreckend gut, die tragik, dass die betreffende person spürt, dass etwas nicht mit ihr stimmt, kommt bedrückend rüber. tut mir so leid für euch alle, vor allem für deinen vater, der nun einen sack flöhe bändigen muss. alles gute aus der ferne im westen!