Donnerstag, 29. Dezember 2011

Nerven wie Drahtseile

Mutter steht neben mir am Schreibtisch, sie hat ein Nachthemd an, einen Filzhut und einen leuchtend roten Pullover und redet seit anderthalb Stunden auf mich ein, worum es geht verstehe ich nicht immer, oft geht es um ihre alte Leidenschaft, das Handarbeiten. Sie erklärt mir anhand einiger zusammengesuchter Hosen von mir, meinem Vater und auch ihr, die sie vor mir ausbreitet, welche Farben zusammen passen um gleich im nächsten Satz zu erläutern, was die Frau am Telefon (sie meint offensichtlich die Moderatorin im Fernsehen) alles falsch macht und dann steht sie wieder neben mir und sortiert meine Unterlagen auf dem Schreibtisch, ich kann sie grad noch daran hindern, meine Arztrechnungen wegzuschmeißen, schon ist sie wieder bei den Hosen um kurz danach den Inhalt des Papierkorbs zu sortieren und mich anschließend feste zu drücken, weil ich ihr so viel schenke.

So geht es ohne Unterlass, aber sie ist glücklich, denn sie ist beschäftigt. Und ich beanspruche ein wenig meine Drahtseile. Geht alles ;-))))

Mittwoch, 28. Dezember 2011

völlig durcheinander

Heute war Mutter mit einer ambulanten Pflegekraft alleine im Haus, weil Vater und Tochter in die Klinik mussten, Chemotherapie für die Tochter. Das hat gut geklappt, Mutter sah sehr zufrieden aus, denn sie hat die ganze Zeit erzählt und das tat ihr augenscheinlich gut. Doch keine Stunde später, die Pflegekraft war gegangen, war sie furchtbar durcheinander. Das hat sich bis in die Abendstunden gehalten, sie wurde sehr grantelig und durcheinander. Vater ist überzeugt, dass Mutter mit fremden Menschen letztendlich doch nicht gut klar kommt, wie sie in der Demenz-Tagesstätte war, dort war sie öfters, da war sie abends schier unerträglich. Das dauerte jedesmal zwei Tage, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

Wird Vater nun doch nicht erleichtert dadurch?

Samstag, 24. Dezember 2011

Familienkrankheit

Mutter hat es sich neben dem Tannenbaum gemütlich gemacht, auch wenn sie von all dem, was um sie herum passiert, nicht mehr so viel mitbekommt. Der kleine Hund ihrer ältesten Tochter liegt zu ihren Füßen, den liebt sie sehr und es tut ihr gut, wenn das kleine Kerlchen bei ihr ist.

Sie weiß auch nicht mehr, wann Tag und wann Nacht ist, sie geistert oft herum und weckt Vater auf, dem dann der Schlaf fehlt, aber er hält sich tapfer.

Mutter will immer "nach Hause", aber wo das ist, weiß sie nicht, nur dass sie endlich nach Hause will und hier sind so viele fremde Leute, die immer in ihrem Zimmer herumlaufen und etwas von ihr wollen. Und dann spricht sie mit diesen Leuten, schimpft und weint und wir können sie kaum beruhigen.

Ihre älteste Tochter wird nun auch im Krankenhaus in Salzwedel behandelt, und sie versteht, warum sich  Mutter dort damals so wohl fühlte, denn alle sind so freundlich und es ist so eine helle Atmosphäre.

Aber auch das versteht Mutter nicht mehr, und manchmal fragt sie uns, wer sie ist, ob sie tatsächlich unsere Mutter ist.

Alzheimer ist eine Krankheit, die die ganze Familie befällt.

Dienstag, 29. November 2011

Mutter und ihre älteste Tochter bei einem Spaziergang an einem Sonntags, das muss so 1964 gewesen sein. Die Kleider hat sie selber genäht, sie hatten damals sehr wenig Geld und Mutter hat dennoch für sich und ihre Familie die schicksten Sachen genäht.


Das war im Sommer 1959, das "Berliner Mädel" mitten im Nirgendwo im Bergischen Land. Auch das superkurze hochmoderne Sommerkleidchen hatte sie sich selbst genäht, Mutter war schon mit 21 ein Multitalent.

Heute ist davon leider nichts mehr übrig, sie findet immer schwerer die Worte, will etwas sagen und kann es dann doch nicht. Und Handarbeiten sagt ihr gar nichts mehr, sie weiß von dem, was sie einst konnte, nichts mehr.

Montag, 7. November 2011

Vergangenheit Abschied Trauer Hoffnung

Mutter wird immer kränker, oder wie soll man das nennen, bei Alzheimer? Ihr Zustand verschlimmert sich von Tag zu Tag und Vater versucht, so gut wie es geht damit klar zu kommen. Sie will immer "nach Hause", weint viel und ist sehr verzweifelt, weil so viele fremde Menschen in ihrem Zimmer sind und immer was von ihr wollen.

Ihre Stoffe (und dies ist ein Hinweis für alle lieben Frauen, die sich hier gemeldet haben und so liebe Vorschläge gemacht haben) sind mittlerweile alle gut untergekommen. Ich danke Euch für Eure Anteilnahme!!

Es tut weh, dass Mutter so langsam verschwindet, dass von der agilen und taffen Frau so gar nichts mehr übrig ist. Dass sie nichts mehr kann, dass diese vielen Stoffe ihr nichts mehr sagen.

Ich bin aber auch froh, dass aus den Stoffen jetzt Taschen für die Drainagebeutel werden und Herzkissen. Und dass aus den Stoffstückchen etwas für ein Kinderhospiz gefertigt wird. Das macht mich und meine Schwester froh, weil das alles so noch einen Sinn hat. Aber daran erkennen wir eben auch, dass es Mutters Leben so nicht mehr gibt, wie es mal war. Es ist ein langer und langsamer Abschied.

Sie hat ihren Krebs überstanden, der jetzt gar kein Thema mehr ist. Jetzt ist nur noch Alzheimer da und belastet sie und Vater sehr. Nun ist ihre Tochter erfolgreich wegen Krebs operiert worden, und es besteht die gute Hoffnung, dass auch das gut ausgehen wird. Vater hatte daran schwer zu knabbern, erst seine Frau, jetzt auch die Tochter und dann schwebt über allem der Alzheimer.

Mittwoch, 2. November 2011

Mutters Geschichte

Heute habe ich, die Tochter, meiner leseunlustigen Freundin die Geschichte meiner Mutter zum lesen mitgegeben, ich ich gerade schreibe:

Als Mutter fortging
Eine Familie und Alzheimer

so der Arbeitstitel, oder wie sich das nennt. Meine Freundin liest wirklich nicht gerne und ich sah schon an ihrem Gesicht, als ich ihr die ausgedruckten Seiten in die Hand drückte, was sie davon hielt. Sie ist dann nach Hause gefahren und eine Stunde später klingelte das Telefon, sie habe nicht mehr aufhören können zu lesen, weil sie wissen wollte, wie es nun weitergeht... ein schöneres Kompliment kann man jemandem ja gar nicht machen, der eine Geschichte schreibt. Jedenfalls ist mir nun klar, ich werde sie zu Ende schreiben, die Geschichte meiner Mutter, wenn es meine leseunlustige Freundin schon gerne liest, werden es sicherlich noch mehr Menschen gerne lesen und vielleicht wird Alzheimer dann mehr und mehr in der Gesellschaft ankommen. Das hoffe ich. Und es soll ein Andenken an meine Mutter sein, der es immer schlechter geht, die immer weniger Worte hat und immer weniger erkennt.

Letztens fragte sie meine Schwester am Telefon, wass denn die Oma mache. Welche Oma? Na deine Mutter, sagte sie dann. Aber Mama, das bist doch du! Schweigen. Oh, ja, ich hab das verwechselt, das sagt sie dann immer, wenn sie nicht mehr weiter weiß.

Und Vater muss das alles tragen.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

es wird immer weniger...

...was Mutter kann, woran sie sich erinnert. Gestern abend wollte sie sich ein Brot schmieren, sie wusste nicht mehr, wie das geht und Vater bemerkte es erst nicht, doch dann hatte sie die ganze Butter auf das Holzbrettchen geschmiert und legte sorgsam die Käsescheiben darauf.

Das war gar nicht mal das Schlimmste, sondern Vaters Reaktion, der seine Verzweifelung mit Wut verpackte über diesen "Irrsinn" und das wiederum brachte Mutter an den Rand. Vater bemerkte seinen "Fehler" augenblicklich, doch da war es zu spät.

Er bekam sie kaum beruhigt und hatte große Mühe, das alles wieder gut zu machen. Ihm ist nun noch einmal klar geworden, wieviel von ihm abhängt und wie viel er ertragen muss. Mutter meinte dann heute zu ihrer Tochter am Telefon, sie wolle diese Pension verlassen, es sei zwar sehr sauber und ordentlich, aber es gefalle ihr nicht mehr. Es seien zu viele Leute da, die ständig was von ihr wollten.

Die Tochter hatte eigentlich geplant, zu ihnen zu fahren und Vater zu entlasten, aber nun muss sie sich um ihre eigene Krebserkrankung kümmern.

Ob Vater bald einmal Hilfe fremde annimmt? Noch weigert er sich beharrlich.

Freitag, 14. Oktober 2011

immer eine schlimme Stunde

Tagsüber ist Mutter oft ganz gut drauf, auch wenn sie viel vergisst und zunehmend Schwierigkeiten damit hat, ihre Tabletten zu schlucken. Aber nun hat sie fast jeden Abend eine schlimme Stunde, ganz plötzlich ist sie völlig aufgeregt, will sofort nach Hause, beschuldigt Vater, ihr das ganze Geld fortgenommen zu haben und heute behauptete sie gar, sie hätte kein Bett mehr. Und das Bett, was man ihr zugeteilt habe, stinke wegen der vielen Menschen, die darin lägen. Dann weint sie fürchterlich, weil alles so schrecklich ist und das dauert ungefähr eine Stunde, dann ist sie wieder wie vorher.

Wie lange kann Vater das noch tragen?

Montag, 10. Oktober 2011

Familienkrebs

Mutter ist immer verwirrter, sie nimmt die Realität kaum noch wahr. Ihre Tochter ist nun auch an Krebs erkrankt, bereits operiert und wieder zu Hause, doch nun fällt einer weg, der sich um Mutter kümmern könnte.

Manchmal ist es sehr traurig.

Mittwoch, 28. September 2011

immer verwirrter

Mutter wird immer verwirrter, vor allem sieht sie im ganzen Haus Menschen, die da nicht hingehören und die ihr auch Sorgen machen. In ihrem Zimmer sitzen sie, in der Küche, im Wohnzimmer, überall. Und Vater weiß nicht, was er tun soll, ist völlig sprachlos angesichts der Veränderungen seiner Frau. Sie kann sich nun nicht mehr alleine anziehen, abgesehen davon, dass sie schon lange nicht mehr weiß, was zueinander passt und was nicht.

Vater hat bald eine Hilfe, eine Altenpflegerin wird regelmäßig kommen. Denn das mit der Tagespflege musste er aufgeben, es fing so gut an, doch Mutter ist nach den Stunden dort verwirrter als zuvor, sie verkraftet einen Ortswechsel einfach nicht mehr.

Samstag, 17. September 2011

Mutters Quilts

Mutter macht in ihrer Realität ständig Puppen oder fertigt Quilts an, von denen sie so viele schöne schon gemacht hat. Aber sie weiß nicht mehr, wie mit Nadel und Faden umzugehen ist und sie weiß auch nicht, dass sie nichts mehr macht, nur noch in ihrem Kopf. Sie weiß auch nichts mehr mit den vielen Stoffen anzufangen, weiß nicht mehr, was eine Nähmaschine ist und wie man eine Schere benutzt.

In ihrem Zimmer wird der Platz nun für andere Dinge benötigt, für die tägliche Pflege und für Wäsche. Und darum suche ich jetzt eine Frau, die diesen Quilt fertig macht, für den sie all diese Teile gefertigt hat.
Es wäre schön, wenn daraus was entstünde und sich daran jemand erfreuen würde.

Wir sind alle keine Handarbeiterinnen und vielleicht liest hier jemand, der damit was anfangen kann und Mutter hat es nicht umsonst gemacht.

Das wäre wirklich schön.

Freitag, 9. September 2011

immer mehr

Mutter wird zunehmend verwirrter. Sie sieht und hört jetzt ständig fremde Menschen im Haus. Und kann sich an den Tag nicht mehr erinnern, vergisst alles fast augenblicklich. Und fragt immer öfter "wie heißt du nochmal?"

Wir sind alle sehr traurig. Aber Mutter versteht auch das nicht mehr. Wenigstens in der Tagesbetreuung hat sie ein wenig Ablenkung. Und Vater ein wenig Ruhe.

Mittwoch, 31. August 2011

Lichtblicke

Gezwungenermaßen musste Vater Mutter für einen Tag in eine Tagespflegeeinrichtung geben speziell für an Demenz erkrankte Menschen. Wo man sich wirklich mit ihnen beschäftigt, wo sie richtig was tun können. Und er holt Mutter ab und sie ist begeistert, versteht nicht wirklich, was da passiert, aber fühlt sich gebraucht, ist beschäftigt und "muss sooooooo viel tun"!!

Wir haben es ihm schon so lange gesagt und jetzt endlich, weil es nicht mehr anders ging, hat er sie dorthin gebracht. Es kam ihm immer vor wie "weggeben", ich kann doch Mutter nicht einfach weggeben, sagte er immer. Und nun sieht auch er, dass es kein weggeben ist sondern ein geben, den sie bekommt wirklich was gegeben!! Und er auch, einen Tag ausspannen in der Woche ist wirklich viel Wert.

Ein kleiner Lichtblick!

wieder zu Hause

Vater hat Mutter am Montag wieder nach Hause geholt, auch wenn sie noch nicht entlassen werden sollte. Es ging einfach nicht mehr. Ein Krankenhaus ist nicht auf die Betreuung von Demnez-Patienten eingerichtet, zwei Schwestern für eine Station, das kann nicht klappen, wenn dann noch eine demente Patientin dabei ist.

Sie haben sich alle Mühe gegeben, aber sie haben einfach nicht die Zeit dafür. So war Mutter in ihrem Zimmer zwar nicht eingeschlossen, aber die Türe war dennoch verrammelt, damit sie nicht immer weglaufen konnte. Sie war ganz alleine in ihrem Zimmer und wurde immer verworrener, so hat Vater sie nach Hause geholt.

Es geht ihr jetzt ein klein wenig besser, aber ihre Verwirrung wird zunehmend schlimmer, das ist so schrecklich mitzuerleben, vor allem für Vater.

Alzheimer ist einfach nur brutal.

Freitag, 26. August 2011

nächtlicher Sturz

Nun ist passiert, was wir schon lange befürchteten, Mutter ist in der Nacht gestürzt, sie hat in ihrem Zimmer das Licht aus gemacht, obwohl sie das ja nicht sollte und das kleine gedimmte Lämpchen extra für die Nacht da stand. Aber sie hat es aus gemacht, wahrscheinlich die Macht der Gewohnheit, und dann wusste sie im Dunkeln wohl nicht mehr wo sie war und dann hörten wir es poltern und das Ende vom Lied, sie liegt im Krankenhaus.

Jetzt baut Vater hier das Zimmer um, Mutter bekommt ein neues Bett, höher vor allem, damit sie es noch leichter hat, er war beim Pflegedienst, es tut sich nun was. Im Krankenhaus wird sie jetzt durchgecheckt und das Veilchen am rechten Auge leuchtet, denn sie ist auch noch so unglücklich mit dem Gesicht aufgeschlagen, dass Mutter aussieht, als habe sie gegen KlitschK.O. geboxt!

Aber sie so erschöpft im Krankenhausbett liegen zu sehen, das war schon sehr sehr traurig.

Donnerstag, 25. August 2011

guter Tag

Mutter sitzt summend vor dem Fernseher und schaut sich Radrennen an. Heute ist ein guter Tag, es geht ihr besser und sie hat ein wenig Freude. Zwei Tage bin ich noch da und auch wenn sie kein Zeitgefühl mehr hat, versteht sie doch gut, was es für sie heißt. Sie sagt, ich soll mir doch hier eine Arbeit suchen, dann könne ich bei ihr bleiben.

Im Wendland ist es sehr schön, aber es ist eben weit vom Rheinland entfernt. Im Oktober bin ich aber wieder ein paar Tage hier und im Dezember sogar etwas länger. Und meine Schwester kommt vielleicht im November und im Dezember auch. Aber das dauert Mutter alles zu lange, sie ahnt vielleicht unbewusst, dass ihre Zeit knapp wird und auch wir wissen, dass es nicht mehr allzu lange diese Gemeinsamkeit gibt. Sie erkennt uns alle noch, aber wo sie wohnt, das begreift sie schon nicht mehr.

Sonntag, 21. August 2011

Mutters Welt

Heute ist ein schwerer Tag für Mutter, denn heute kam die Erinnerung an ihre gesunde Zeit zurück, wenn auch nur für Minuten, aber sie weinte bitterlich und war völlig verzweifelt. Vater und ich haben ein wenig im Garten gearbeitet, Mutter hielt Mittagsschlaf. Plötzlich stand sie hinter uns und weinte, sie wolle so gerne helfen, aber sie könne nichts mehr, gar nichts. Und dann saß sie am Gartentisch und weinte und weinte und konnte nicht mehr aufhören. Ich kann gar nichts mehr, schluchzte sie und dann weinte sie still eine Weile.

Jetzt ist alles wieder gut, ich habe ihr Kaffee gekocht und alles ist vergessen. Sie wurde dann furchtbar wütend, die Frau soll sich noch mal blicken lassen, die ihr das Denken weg genommen hat! Sie wird wahrscheinlich die Gutachterin meinen, die wegen der Pflegestufe kam.

Mutter sieht jetzt auch ständig Fremde im Haus, dann kommt sie ganz aufgeregt die Treppe runter, in ihrem Schlafzimmer sind lauter fremde Leute und die gehen nicht weg und wir sollen sofort kommen und ihr helfen, die Leute müssen weg. Immer wieder sieht sie Menschen, die gar nicht da sind. Vater braucht wirklich viel Geduld.


Mittwoch, 17. August 2011

kleine Hilfen

Ohne diese Hilfen kann Mutter gar nichts mehr. Sie weiß die Reihenfolge von Brot, Butter und der Käsescheibe nicht mehr, sie weiß nicht mehr, ob zuerst die Socken oder die Schuhe, und was in den Schubladen ist, das weiß sie nur dank der kleinen Hilfen, die wir ihr im Haus angebracht haben.

Die Antidepressiva helfen, sie weint nicht mehr den ganzen Tag.

Und Vater versucht mit all dem klar zu kommen.

Was eigentlich unmöglich ist. Und doch gehen muss.

Samstag, 6. August 2011

Siebenmeilenstiefel

Nun schreitet die Krankheit mit Siebenmeilenstiefeln voran. Mutter fragte Vater, wem denn das Haus gehöre, in dem sie wohnen und ob sie die Schränke benutzen dürfe. Diese Art von Fragen werden täglich mehr. Und Mutter weint sehr viel, eigentlich immerzu. Der Arzt hat ihr jetzt ein Antidepressivum verschrieben, wir hoffen, dass es ihr hilft.

Vater hält sich tapfer. Aber man merkt ihm doch an, dass er erschüttert ist.

Sonntag in einer Woche kommt die älteste Tochter für zwei Wochen zu Besuch. Heute hat sich Mutter darüber gefreut. Und dann gleich wieder vergessen.

Alzheimer. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Mittwoch, 20. Juli 2011

abgesagt

Wir mussten die Flüge nach Bahrain absagen, es hat keinen Sinn, Mutters Erkrankung hat einen Riesenschub gemacht und sie ist zu einer weiten Reise nicht mehr in der Lage. Vor einem Monat sah das noch ganz anders aus, aber jetzt müssen wir alle einsehen, dass es weder ihr noch uns etwas bringt. Im Gegenteil, ihre zunehmende Verwirrtheit hat ihre Angst vor der Reise nur noch verstärkt. Sie war nach der Entscheidung erleichtert, wenn sie dann auch vergisst, warum sie erleichtert war... Seit einigen Tagen denkt sie öfters, sie sei im Krankenhaus um dann wieder verwirrt festzustellen, dass sie doch zu Hause ist.

Es ist schade, diese letzte Reise hätten wir ihr so gegönnt.

Montag, 18. Juli 2011

zunehmend verwirrt

Unsere arme Mutter wird immer verwirrter, die Krankheit Alzheimer greift weiter um sich. Wir hoffen alle, dass sie noch einmal nach Bahrain fliegen kann, ihre Tochter fliegt ja mit. Sie freut sich, dann hat sie wieder furchtbar Angst, dann wieder hat sie es vergessen.
Mutter war so aktiv in ihrem Leben, sie hat so viel organisiert, Weihnachtsmärkte, Ausstellungen, organisieren konnte sie gut, sie war sehr erfolgreich. Heute haben wir uns die Bilder von ihr angeschaut, aus ihrer gesunden und aktiven Zeit. Es ist so unglaublich, dass Mutter sich durch diese Krankheit so verändert hat. Das Leben mit ihr wird immer schwerer, Vater hat einiges zu tragen. Zu ertragen.

Es ist traurig. Und es ist verdammt nicht leicht für Vater. Für Mutter auch nicht. Für niemanden.

Mittwoch, 22. Juni 2011

der letzte Urlaub

Mutter fliegt mit ihrer Tochter nach Bahrain, sie hat sich schwer getan mit dieser Entscheidung, aber nun will sie es doch wagen: einmal noch in den Orient.

Es wird ihr letzter Urlaub sein, das wissen alle, und es wird nicht leicht werden, denn sie ist zunehmend verwirrt. Doch sie freut sich auch, einmal noch mit ihren Töchtern gemeinsam Urlaub machen. Und die Töchter freuen sich auch!

Freitag, 27. Mai 2011

Vor 20 Jahren ist dieses Foto entstanden. Wir waren in Österreich in Urlaub, meine Eltern und ich. Nach vielen Jahren bin ich mal wieder mit ihnen in Urlaub gefahren. Es war im März und eigentlich sollte Schnee liegen, viele Urlaub hatten auch Skier auf dem Autodach ;-) Wir hatten ein kleines Häuschen gemietet und unsere Hunde dabei, meine Eltern ihren Schäferhund, ich meinen kleinen schwarzen Knubbel namens Trotzki, hier auf dem Foto nicht zu sehen.

Es war ein schöner Urlaub, gemütlich und ruhig und mit vielen Spaziergängen. Damals ging es Mutter so richtig gut, sie war erfolgreich im Beruf, liebte ihre Familie und genoss den Urlaub. Keiner hat jemals daran gedacht, dass Mutter irgendwann nicht mehr weiß, wie man einen Knopf annäht, ausgerechnet Mutter, die Nähkünstlerin! Die mir schon als kleines Mädchen die schönsten Kleidchen nähte. Mein Lieblingskleid, weiß mit kleinen roten Röschen, ich erinnere es heute noch. Darin kam ich mir so wunderschön vor!

Nun hat Mutter Alzheimer und alles in ihrem Leben hat sich verändert. Sie hat sich verändert. Sie tut und sagt Dinge, die sie früher niemals getan und gesagt hätte. Manchmal bringt sie uns zum Lachen, manchmal ist Vater einfach nur entsetzt.

Noch kommt er mit allem ganz gut klar, aber wir merken immer deutlicher, was das für eine Belastung für ihn ist. Manchmal merkt Mutter es auch, dann wird sie tieftraurig.

Sonntag, 8. Mai 2011

Mittagsschläfchen in der Sonne

Mutter sitzt viel und döst viel und versteht leider nicht mehr viel. Manchmal gelingt ihr das ganz gut, dann ist sie fröhlich und freut sich an den Dingen, die sie umgeben. Aber oft ist sie verzweifelt, weil sie nichts mehr kann, weil ihr nichts mehr gelinegen will und weil sie sich noch erinnet, wie aktiv und kreativ sie doch war. Immer öfter wird sie Nachts wach und geistert durch die Gegend und vergisst, dass Schlafenszeit ist.

Alzheimer ist eine brutale Krankheit, die die gesamte Familie an die Grenze dessen bringt, was sie tragen kann.

Donnerstag, 21. April 2011

Mutters neue Friseuse

Heute hat Mutter die Haare von ihrer Tochter geschnitten bekommen, sie hatte mehr Mut als die Tochter, aber entgegen deren Befürchtungen sieht Mutter einfach klasse aus, richtiggehend fesch!! Ansonsten geht es ihr leider nicht ganz so gut, sie versteht manchmal einiges nicht mehr und gerät dann völlig durcheinander. Aber man kann sie relativ leicht aufmuntern und ablenken, dann geht es wieder eine Weile gut.

Ihre neue Frisur gefällt ihr jedenfalls richtig gut und nun liegt sie im Bett und wartet darauf, dass der Krimi endlich anfängt. Auch wenn sie nicht mehr viel versteht, aber Krimis sind immer noch ihre Leidenschaft!!

Dienstag, 29. März 2011

Zur Arbeit gehen

Vorletzte Nacht um drei Uhr wurde Vater durch ein Geräusch wach, er ging hinunter ins Wohnzimmer, dort saß Mutter, vollständig angezogen und mit Straßenschuhen. Sie müsse nun zur Arbeit gehen.

Als Vater ihr dann sagte, wie spät es ist und dass sie doch Rentnerin sei, brach sie in Tränen aus, denn dann fiel ihr alles wieder ein. Mutter hat so gerne gearbeitet, sie war so kreativ, hat so viel gestaltet und damit auch viele Erfolge gehabt. Sie hat sogar ein Buch geschrieben darüber, wie man schöne Dinge mit Papier herstellt.

Samstag, 19. März 2011

Mutters Lieblingsbeschäftigung


Das macht Mutter am liebsten, auf dem Sofa sitzen und Sport gucken, am allerliebsten Wintersport, was für ein Glück, dass das grad ständig läuft!! Ansonsten vergisst sie von jetzt auf gleich alles, ist aber ansonsten noch oft noch gut gelaunt. Sie bekommt jetzt den Port rausgenommen, aber auch das versteht sie nicht mehr wirklich.

Montag, 7. Februar 2011

Alzheimer brutal

Mutter geht es immer schlechter, sie findet sich im Badezimmer nicht mehr zurecht. Sie weiß nicht mehr, wo sie ist. Sie stellt die Reinigungsmittel in den Badezimmerschrank, meint sie, jedoch verwechselt sie diesen mit der Kloschüssel. Sie verwechselt noch so manches, die Toilette mit der Badewanne, darum will ich aufhören, davon zu berichten, ich will ihre Würde nicht verletzen.

Sie hat sich tapfer gehalten, doch nun kommt der Teil der Erkrankung, wo alle nur noch leiden.

Vater hat die schwerste Last zu tragen, er trägt sie tapfer. Er tut was er kann, aber auch er weiß, dass alles eine Grenze hat.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Mutter in ein Heim muss, weil Vater es nicht mehr tragen kann.

450 Kilometer entfernt kann ich nicht wirklich helfen. 3600 Meilen entfernt meine Schwester auch nicht.

Meine Mutter war Zeit ihres Lebens ein schwieriger Mensch, die Alzheimer Erkrankung hat sie sehr lieb werden lassen. Es hat uns versöhnt mit allem, was sie an Konflikten in unsere Leben getragen hat.

Dies ist nun Dein letzter Gang, Mutter, wir werden Dich begleiten, so gut wir können.

Mütter sterben nicht, gleichen alten Bäumen.
In uns leben sie und in unseren Träumen.
Wie ein Stein den Wasserspiegel bricht,
zieht ihr Leben in dem unsren seine Kreise.
Mütter sterben nicht, Mütter leben fort auf ihre Weise.

Du warst, Du bist unsere Mutter. Und bei all den Konflikten, die wir hatten, werden wir Dich ehren, denn Du bist unsere Mutter. Dein Leben war nicht leicht, so wie das Leben mit Dir nicht leicht war. Aber Du warst, was Du immer sein wirst: unsere Mutter.

Donnerstag, 27. Januar 2011

es geht ganz gut

Mutter ist trotz allem gut drauf. Sie war erneut in der "Röhre" und man hat ihr bescheinigt, dass sie den Krebs besieht habe. Das hat sie sehr froh gemacht. Ihre Demenz ist derzeit kein Thema, es geht ganz gut, sie erinnert vieles. Sicherlich wird sich das wieder verschlechtern, aber derzeit genießen Vater und Mutter eine Hoch-Zeit und so wollen wir sie auch einfach nur darin begleiten.

Es wird andere Zeiten geben, derzeit aber ist es recht gut. Und das ist alles, was zählt.

Montag, 17. Januar 2011

beantragt

Nun ist es also soweit, Vater hat die Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes beantragt. Mutters Demenz wird immer spürbarer und die Tage, wo sie mit fröhlichem Unterton verkündet, es gehe ihr gut, werden immer weniger.

Dienstag, 11. Januar 2011

immer ein wenig tiefer

So, die Grippe ist überstanden, die sich diesmal ziemlich hartnäckig in der ganzen Familie hielt. Mutter geht es auf und ab, wobei das ab jedesmal ein wenig tiefer geht. Zwischendurch geht es ihr immer wieder recht gut, doch sie kann von Tag zu Tag weniger. Und ist darüber oft sehr verzweifelt.

Vater schlägt sich tapfer, er versucht sein bestes, was ihm auch nicht immer leicht fällt.

Samstag, 1. Januar 2011

Kamelgrippe

Nun hat das neue Jahr angefangen und Mutter hat die dickste Grippe, die man sich vorstellen kann. Ihre Tochter hat sie aus dem Orient mitgebracht, darum kann es keine Schweinegrippe sein ;-)))) Nach und nach hat sich die ganze Familie angesteckt und lag flach, nur der Enkelsohn konnte unbeschwert im Internet surfen. Es war dennoch ein schönes Weihnachtsfest, wenn auch leicht eingeschränkt. Nun sind ihre Töchter wieder fort und der Alltag kehrt zurück, den Mutter so sehr braucht, da sie bei jeder kleinen Abweichung durcheinander gerät. Manchmal steht sie Nachts auf und glaubt, es sei schon Morgen. Und manchmal hat sie Vaters lecker zubereitetes Essen sichtlich genossen um dann eine halbe Stunde später empört zu fragen, wann es denn endlich was zu essen gibt. Alzheimer schreitet unaufhörlich voran und dann noch diese entsetzliche Grippe.

Wir hoffen aber für 2011, dass sie noch viele schöne Stunden genießen kann!