Donnerstag, 29. Dezember 2011

Nerven wie Drahtseile

Mutter steht neben mir am Schreibtisch, sie hat ein Nachthemd an, einen Filzhut und einen leuchtend roten Pullover und redet seit anderthalb Stunden auf mich ein, worum es geht verstehe ich nicht immer, oft geht es um ihre alte Leidenschaft, das Handarbeiten. Sie erklärt mir anhand einiger zusammengesuchter Hosen von mir, meinem Vater und auch ihr, die sie vor mir ausbreitet, welche Farben zusammen passen um gleich im nächsten Satz zu erläutern, was die Frau am Telefon (sie meint offensichtlich die Moderatorin im Fernsehen) alles falsch macht und dann steht sie wieder neben mir und sortiert meine Unterlagen auf dem Schreibtisch, ich kann sie grad noch daran hindern, meine Arztrechnungen wegzuschmeißen, schon ist sie wieder bei den Hosen um kurz danach den Inhalt des Papierkorbs zu sortieren und mich anschließend feste zu drücken, weil ich ihr so viel schenke.

So geht es ohne Unterlass, aber sie ist glücklich, denn sie ist beschäftigt. Und ich beanspruche ein wenig meine Drahtseile. Geht alles ;-))))

Mittwoch, 28. Dezember 2011

völlig durcheinander

Heute war Mutter mit einer ambulanten Pflegekraft alleine im Haus, weil Vater und Tochter in die Klinik mussten, Chemotherapie für die Tochter. Das hat gut geklappt, Mutter sah sehr zufrieden aus, denn sie hat die ganze Zeit erzählt und das tat ihr augenscheinlich gut. Doch keine Stunde später, die Pflegekraft war gegangen, war sie furchtbar durcheinander. Das hat sich bis in die Abendstunden gehalten, sie wurde sehr grantelig und durcheinander. Vater ist überzeugt, dass Mutter mit fremden Menschen letztendlich doch nicht gut klar kommt, wie sie in der Demenz-Tagesstätte war, dort war sie öfters, da war sie abends schier unerträglich. Das dauerte jedesmal zwei Tage, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

Wird Vater nun doch nicht erleichtert dadurch?

Samstag, 24. Dezember 2011

Familienkrankheit

Mutter hat es sich neben dem Tannenbaum gemütlich gemacht, auch wenn sie von all dem, was um sie herum passiert, nicht mehr so viel mitbekommt. Der kleine Hund ihrer ältesten Tochter liegt zu ihren Füßen, den liebt sie sehr und es tut ihr gut, wenn das kleine Kerlchen bei ihr ist.

Sie weiß auch nicht mehr, wann Tag und wann Nacht ist, sie geistert oft herum und weckt Vater auf, dem dann der Schlaf fehlt, aber er hält sich tapfer.

Mutter will immer "nach Hause", aber wo das ist, weiß sie nicht, nur dass sie endlich nach Hause will und hier sind so viele fremde Leute, die immer in ihrem Zimmer herumlaufen und etwas von ihr wollen. Und dann spricht sie mit diesen Leuten, schimpft und weint und wir können sie kaum beruhigen.

Ihre älteste Tochter wird nun auch im Krankenhaus in Salzwedel behandelt, und sie versteht, warum sich  Mutter dort damals so wohl fühlte, denn alle sind so freundlich und es ist so eine helle Atmosphäre.

Aber auch das versteht Mutter nicht mehr, und manchmal fragt sie uns, wer sie ist, ob sie tatsächlich unsere Mutter ist.

Alzheimer ist eine Krankheit, die die ganze Familie befällt.