Freitag, 30. November 2012

Ärzte mit Zeit

Heute war Vater beim Arzt, weil Mutter doch solche "Schmerzen" hat, sie schreit seit zwei Wochen fürchterlich, wenn man sie berührt. Der Arzt nahm sich trotz vollem Wartezimmer eine halbe Stunde Zeit, Vater konnte ausführlich mit ihm reden. Der Arzt rief sogar im Pflegezentrum an und sprach lange mit der Leiterin. Keine guten Nachrichten. Bei solch einer weit fortgeschrittenen Demenz sterben die Betroffenen innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre. Er könne ihm diese Wahrheit leider nicht ersparen, und sei sie auch noch so schrecklich. Er müsse sich einfach darauf einstellen.

Der Arzt hat seine Mutter auch an Alzheimer verloren, er weiß also, wovon er spricht.

Vater hat sich alles tapfer angehört.

Sonntag, 25. November 2012

Abschiedsfitzelchen

Wir müssen von Mutter Abschied nehmen, so, wie wir sie kannten, gibt es sie nicht mehr, nicht mal mehr ein Fitzelchen davon ist noch da. Sie spricht nicht mehr, sie macht nichts mehr, sie kann nicht mehr alleine essen. Vater fährt jeden Tag zu ihr, füttert sie, sie sitzt nur noch im Rollstuhl oder liegt im Bett, laufen kann sie kaum noch und das sowieso nur mit viel Hilfe.

Weihnachten werden wir alle bei ihr sein. Aber sie wird nicht wissen, dass Weihnachten ist, was Weihnachten ist und ob sie dann noch weiß wer wir sind, wage ich zu bezweifeln. Vater erkennt sie noch. Immerhin.


Sonntag, 11. November 2012

still geworden

Es ist still geworden um Mutter und auch Mutter ist still geworden. Sie spricht kaum mehr und wenn, dann so leise, dass man sie kaum verstehen kann. Sie wurde vom Arzt untersucht, die Ergebnisse stehen noch aus, aber die Stille, die sei "normal", so ist es eben, wenn jemand Alzheimer hat, oder so kann es sein. Bei Mutter ist es so.

Sie geht, ganz leise und still geht sie immer mehr.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

eingelebt

Mutter hat sich in ihrem neuen Zuhause richtig gut eingelebt, Vater ist ganz überrascht und auch erleichtert. Sie ist kaum noch schlecht drauf, wirkt immer ausgeglichen und nimmt regen Anteil an der Gemeinschaft. Sie wird gelassen, das ist wohl das wichtige, sie kann dort sein, wie sie ist, keiner nimmt Dinge weg, räumt etwas fort, korrigiert sie, alles dort ist auf Menschen mit Demenz ausgerichtet. Und das tut Mutter gut.

Es war die richtige Entscheidung, auch wenn es uns allen, am meisten Vater, so schwer gefallen ist.

Montag, 1. Oktober 2012

das letzte Frühstück zu Hause

Mutter ist ausgezogen, sie lebt jetzt in einer Gruppe für betreutes Wohnen und dort geht es ihr wirklich gut. Wir haben sie gebracht, die Fahrt war furchtbar, der ganze Morgen war furchtbar, wir hatten die schlimmsten Befürchtungen, doch als wir in ihrer Wohngruppe vorfuhren und die Schwester sie mit offenen Armen fröhlich begrüßte, war alles Schlimme verflogen und sie lachte und freute sich. Wie ausgewechselt. Vater war sehr leichtert.

Nun lebt sie nicht mehr zu Hause, es fällt uns allen schwer, auch wenn wir wissen, es ging nicht mehr anders. Der Gedanke ist ganz schwer.

Freitag, 21. September 2012

Mutter zieht um

Etwas geht zu Ende und etwas fängt neu an. So ist es im Leben, wenn Kinder das Haus verlassen, wenn sie selber nur an das schöne neue denken, voller Erwartung, was kommen mag... und die Eltern mit einem lachenden und einem weinenden Auge dem neuen Lebensabschnitt auch für sich selber entgegen sehen. Aber auch, wenn die Ehefrau nun das letzte Mal umzieht, in eine Wohngruppe für an Demenz erkrankte alte Menschen, auch dann fängt etwas neues an, nur dass es ohne wirkliche Vorfreude geschieht. Weil es einfach nur traurig ist.

Vater, der gestern alles klar gemacht hat, weil es zu Hause nicht mehr geht, er meinte nur leise "aber traurig bin ich ja doch". Sein Eheleben endet nun, die Gemeinsamkeit endet. Auch wenn es schon lange nicht mehr einfach so lebbar war, wenn es mehr Mühsal war und oft auch Verzweifelung, es endet nun. Und das ist eine schmerzhafte Erkenntnis.

Ich fahre kommende Woche hin und werde Vater unterstützen, so gut es geht.


Dienstag, 21. August 2012

zerfaserte Kinderseelen

Heute sprach ich mit meiner Psychoonkologin über die Auswirkungen von fortgesetzten Misshandlungen auf Kinder. Über zerfaserte Seelen, die versuchen, in sich selbst einen Halt zu finden und das gelingt ihnen nicht.

Es ging nicht um mich. Es ging um Mutter. Und ich sprach über das Buch, was ich gerade schreibe, über Alzheimer. Wie diese Krankheit eine Familie verändert und ich sprach über die Stärke, die Mutter mir mitgegeben hat.

Meine Krebserkrankung hat meinen Blick auf Mutter verändert. Ich weiß nicht, ob Krebs einen Sinn hat, ich weiss nicht, ob das Leben einen Sinn hat, ob es Sinn überhaupt gibt, ich hoffe es. Hat Alzheimer einen Sinn? Was ist wirklich wichtig im Leben?

Mutter hat mir viel gegeben und das hätte ich nie für möglich gehalten. Wenn Krebs einen Sinn hat, dann den, dass ich erkenne, was meine Mutter mir war.

Sie wird immer weniger. Aber je weniger sie wird, desto mehr ist sie für mich.

Mittwoch, 8. August 2012

immer weniger

Mutter wird immer weniger. Mutter kann immer weniger. In der Tagespflege fühlt sie sich wohl. Nun wird sie bald in ein Hein kommen, wo man sich speziell um an Demenz erkrankte Menschen kümmert. Vater fällt der Schritt schwer, aber er merkt, dass es so nicht mehr geht. Wir alle wissen, dass es besser so ist. Mutter hätte nie gewollt, dass Vater so mit ihr zusammen leben muss. Und doch, etwas endet, etwas, was immer eine feste Größe in unserem Leben war. Schwere Gedanken.

Donnerstag, 26. Juli 2012

Englisch

Mutter sprach zwei Tage nur Englisch mit den anderen in der Demenz-WG. Außer mit Vater, mit ihm sprach sie, wenn er zu Besucht kam, weiterhin Deutsch. Sie hat in ihrer Jugend bei den Alliierten gearbeitet, vielleicht deshalb, vielleicht kehren Erinnerungen zurück, wer weiß es denn.

Heute kommt sie nach Hause zurück, Vater hat sich erholen können, er klang schon ganz anders. Bald fliegt er zu seiner Tochter und seinen Enkelkindern in den Orient. Darauf freut er sich sehr und nun weiß er auch, dass Mutter längere Zeit untergebracht werden kann und er sich keine Sorgen machen muss. Und eine Nachbarin nimmt die Hunde so lange, alles also kein Problem.

Jedenfalls organisatorisch nicht. Alles andere ist nach wie vor schwer. Aber so ist das nunmal mit dieser Krankheit. Das Leichte verschwindet aus dem Leben. Für immer.

Mittwoch, 18. Juli 2012

Auszeit

Heute wurde Mutter für eine Woche in die Kurzzeitpflege abgeholt, Vater braucht eine Auszeit, er kann nicht mehr. Über kurz oder lang wird sie ganz in die Demenz-WG ziehen, es geht nicht mehr. Doch Vater tut sich mit dem Gedanken so schwer, das gemeinsame Leben "einfach so" zu beenden, wie er sagt. Wir alle wissen, dass es weiß Gott nicht "einfach so" ist, aber er braucht seine Zeit, um damit fertig zu werden.

Und Mutter? Mutter kann keinen einen Satz mehr zusammenhängend sprechen. Und telefonieren kann sie überhaupt nicht mehr.

Vater sagte heute so richtig, das alles ist sehr sehr traurig.

Mittwoch, 27. Juni 2012

Mutter hat Besuch

Mutters jüngste Tochter aus dem Ausland ist für zwei Wochen gekommen, der Alltag hellt sich ein wenig auf. Auch wenn sie gar nicht mitbekommen hat, dass ihre Tochter so lange nicht da war, es ist doch eine Erleichterung für sie. Und bald wird sie probewohnen in einer Demenz-WG! Weil es zu Hause nicht mehr lange gut geht. Vater fällt der Gedanke sehr schwer, aber er weiß auch, dass es besser so ist.

Donnerstag, 7. Juni 2012

es gibt auch gute Nachrichten

Mutter war 5 Tage in einer Demenz-WG und dort ging es ihr richtig gut!! Sie war fröhlich und hat sich sehr wohl gefühlt. Dort käme sie auch hin, wenn sie nicht mehr zu Hause wohnen kann, das Experiment ist also geglückt!! Wir sind alle ziemlich froh darüber.

Es gbit also noch gute Nachrichten.

Freitag, 1. Juni 2012

es rückt näher

Der Tag rückt näher, an dem Mutter nicht mehr zu Hause wohnen kann. Zu berichten gibt es nicht viel, es wird immer trauriger und auch Vater fällt es immer schwerer. Alzheimer ist einfach nur schrecklich.

Mittwoch, 9. Mai 2012

Herzlichen Glückwunsch Mutter!

Mutter hat heute Geburtstag, Vater hat drei Torten besorgt und mit in die Tagespflege genommen, wo Mutter drei Tage die Woche ist, auch Mittwochs, also heute. Dort wird nun Mutters Geburtstag gefeiert, das wird bestimmt schön, auch wenn Mutter sich am Abend daran wohl nicht mehr erinnern wird.

Sie wird immer weniger, es ist manchmal richtig erschreckend, vor allem ihre Worte werden von Tag zu Tag wirrer. Keiner ihrer Sätze ergibt mehr einen Sinn. Mutter, so wie sie war, das, was sie ausmachte, gibt es nicht mehr. Auch das Telefonieren fällt ihr sehr schwer. Alles strengt sie sehr an.

Wir sind alle sehr traurig.

Dienstag, 3. April 2012

keine Erinnerung

Mutter ist nun drei Mal in der Woche in einer Tageseinrichtung für Dementkranke, dort gefällt es ihr gut, jedenfalls wenn sie nach Hause kommt, ist sie fröhlich und freut sich. Das hält nicht lange an, dann ist sie bitter und schimpft und beschwert sich, aber keiner kann genau verstehen, um was es ihr geht. Ihre älteste Tochter ist wieder zu Hause, aber das erinnert Mutter nicht mehr.
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Sonntag, 18. März 2012

es war einmal

Das haben wir in einer von Mutters Jacken gefunden, einen alten Einkaufszettel, der liegt schon eeeeeewig darin, sie hat nämlich schon lange keinen mehr geschrieben. Es ist, als haben wir ein Stück aus ihrer Vergangenheit gefunden, als sie noch aktiv am Alltagsgeschehen beteiligt war. Jetzt müssen wir immer aufpassen, dass sie nichts anstellt. Den Salzstreuer aufschraubt und den Inhalt auf dem Tisch verstreut und solche Dinge. Ein kurzer unbeobachteter Augenblick kann reichen und der Inhalt des Marmeladenglases fließt in ihre Kaffeetasse. Schimpfen darf man dann nicht, weil sie es nicht versteht, weil sie nicht weiß, dass es nicht richtig ist.

Heute morgen sieht sie noch blauer aus, das Gesicht immer dicker, aber sie hat keine Schmerzen mehr, das ist gut. Morgen muss sie wieder zum Arzt, mal sehen, was der veranlasst.

Arme Mutter.
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Freitag, 16. März 2012

Nasenbein gebrochen

 
Mittags ereilte uns ein Anruf aus der Tagesstätte, Mutter sei gefallen, der Notarzt sei schon auf dem Weg... und so waren wir im Krankenhaus und Mutter hat ein gebrochenes Nasenbein und eine dicke Beule, aber sie kann schon wieder lachen.

Wir sind alle erledigt.
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Donnerstag, 15. März 2012

unerträglich

Der Tag heute mit Mutter war schon schwierig, aber der Abend ist schier unerträglich, sie weint und giftet Vater an und behauptet Dinge, wo wir uns fragen, wo hat sie das nur her. Wenn sie nicht aufräume, müsse sie ausziehen, behauptet sie mit bitterer Stimme und schreit dann ganz laut, als habe man ihr Schmerzen zugefügt. Ich will sie ins Bett bringen, sie steht davor und sagt, das sei nicht ihr Bett und schaut mich verzweifelt an.

Sie ist in einer ganz anderen Welt, wir können sie nicht mehr erreichen, jedenfalls heute Abend nicht. Nun liegt sie weinend im Bett und auch da können wir ihr nicht helfen, sie lässt sich nicht beruhigen.

Dieses Foto ist 1971 in Spanien entstanden, meine Mutter als Diva, so gab sie sich gerne und das war auch etwas, was sie verkörpern konnte. Heute ist davon nichts mehr übrig.

Wir hoffen, der morgige Tag wird besser.
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Samstag, 10. März 2012

Bereitschaft zu ertragen

Das ist Mutter, so, wie wir sie kannten, aktiv, lustig, immer mittendrin. Sie war diejenige, die den Haushalt aufrecht gehalten hat mit ihren Aktvitäten, die sich um alles kümmerte und dafür sorgte, dass es so war, wie es sein sollte. Davon hat der Alzheimer nicht mehr viel übrig gelassen, nun ist es Vater, der sich kümmern muss, der alles macht und für alles sorgt.

Zum Leben gehört alles, nicht nur die schönen Zeiten, wo alles wunderbar war und gut lief. Auch die schlechten Zeiten, wo nichts mehr geht und der Alltag eine Mühsal ist, die gehören auch dazu. Anselm Grün hat es so ausgedrückt, er sagte, damit das Miteinander gelingt, braucht es die Bereitschaft, den anderen in Liebe zu ertragen.

Alzheimer ist ertragen pur.
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Donnerstag, 8. März 2012

Mutter mit Mutter

Mutter weint nun oft, sie will zu ihrer "Mutti" und befindet sich offensichtlich in ihrer Kindheit. Hier sitzt sie mit ihrer Mutter auf unserem großen Balkon im Rheinland, dort waren die beiden so glücklich. Das ist jetzt bald 16 Jahre her. Oma und Mutter hingen sehr aneinander. Sie waren so froh, dass sie zusammen wohnten. Und jetzt sucht Mutter so oft ihre Mutter, mit der sie so gerne zusammen war.
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Freitag, 2. März 2012

früher

Das ist Mutter im Jahr 1994, da stand sie noch aktiv im Berufsleben, war fit und krativ und voller Ideen. So haben wir sie immer noch in Erinnerung, auch wenn sie heute für uns eine völlig andere ist. Eine völlig andere Person.
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Bischofsmützchen

Das ist unser Mütterlein an ihrem Lieblingsplätzchen mit ihrem "Bischofsmützchen", das sie so gerne trägt, weil es ihren Kopf wärmt. Dort trinkt sie auch so gerne ihren Karokaffee, wie ihn ihre Mutter auch so liebte und nach der sie jetzt immer öfter ruft. Oft befindet sich Mutter jetzt in der Zeit ihrer Kindheit, dann fragt sie "wo ist denn die Mutti?" und hört gar nicht hin, was wir ihr sagen, wir sagen auch nichts mehr, es ist besser, sie da zu lassen, wo sie ist.
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Donnerstag, 1. März 2012

Festessen

Das war das Geburtstagsessen von Mutters ältester Tochter, die mal die Eltern so richtig lecker bekochen wollte. Weggehen können wir mit Mutter ja nicht mehr. Sie wird zusehends weniger, ihre Sprache verschwindet, jeden Tag ist ein Sack voll Worte hinfort, oft versteht sie uns auch nicht, weil sie einfach nicht mehr weiß, was die Worte bedeuten. Und am späten Nachmittag eines jeden Tages wird Mutter traurig, dann weint sie und will nach Hause und lässt sich kaum beruhigen. Diese Verzweifelung hält ungefähr zwei Stunden an, dann ist sie genauso schnell weg, wie sie gekommen ist.

Der Alltag mit Mutter wird immer schwieriger. Und wenn die Tochter bald wieder im Rheinland ist, wo ihre Krebsnachsorger weiter geht, dann ist Vater mit Mutter alleine und auf Pflegedienste angewiesen, denn er muss ja auch mal das Haus verlassen.

Mutter kann nicht mehr alleine bleiben, keine Sekunde. Wirklich, keine Sekunde.
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Sonntag, 19. Februar 2012

der Kracher

Das war Mutter, wie sie mit ihren Eltern auf einer Feier der Firma ihres Vaters war, da erzählte Oma noch sehr lange von, wie schick Mutter war, keine 20 Jahre alt, der Kracher der ganzen Feier. Mutter war immer irgendwie der Kracher, sie sah immer schick aus und wusste sich zu kleiden.

Davon ist heute nicht mehr viel übrig geblieben, nur manchmal, da blitzt sie noch durch, ihre Kreativität. Mutter wird immer weniger, manchmal erkennt sie uns nicht, manchmal weiß sie nicht, wo die Toilette ist, und jeden Abend will sie nach Hause.

Aber es gibt auch schöne Stunden, wo wir viel lachen, wo sie singt und wo es ihr gut geht.

Alzheimer verändert eine Familie, Alzheimer verändert das ganze Leben.
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Dienstag, 31. Januar 2012

alles verschwindet


Das ist die Aussicht aus Mutters Wohnzimmerfenster, wenn der Morgen graut und der Tag beginnt. Sie hat diese Aussicht immer so geliebt, doch jetzt sagt ihr das gar nichts mehr. Ihre Worte werden immer wirrer, immer weniger ist sie zu verstehen, meist gar nicht mehr. Völlig skurrile Sätze sagt sie, ohne jeglichen Sinn, mit Worten, die da nicht hinpassen. "Jetzt hat der Opa dem Hund ein Schäferstündchen auf den Kopf gehauen", was sie uns damit wohl sagen will? Wir können sie nicht mehr fragen.

Und immer öfter erkennt sie uns nicht.

Wir versuchen, ihr das Leben so weit es geht zu erleichtern, gehen auf sie ein, tun so, als verstünden wir sie. Und oft macht uns das sehr traurig.
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Donnerstag, 26. Januar 2012

gekaufte Dunkelheit

Mutter kann immer weniger, versteht immer weniger und kann auch immer weniger sagen. Sie bringt die Worte einfach nicht mehr heraus. Sie vergisst alles. Aber sie ist noch immer sehr findig. Vater brachte sie zum wiederholten Male ins Bett, das ist ja bei Alzheimer auch so ein Problem, dieses nächtliche Umherwandern. Draußen ist dunkel, hörte ich ihn sagen, du musst jetzt schlafen. Mutter wollte aber nicht, ihr fehlten auch die rechten Worte, um dies auszudrücken. Sie überlegte eine Weile und dann sagte sie trotzig: die Dunkelheit habe ich gekauft und da ist ein Loch drin!

Eigentlich ziemlich eindeutig ;-)
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Donnerstag, 19. Januar 2012

da war Mutter auch so gerne

Vor einigen Jahren wurde Mutter in der Tagesklinik des Altmark-Klinikums in Salzwedel behandelt und es hat ihr so gut gefallen dort. Sie weiß nicht mehr viel davon, weil sie alles so langsam vergisst, was in den letzten Jahren passiert ist. Ihre Kindheit hat sie noch sehr präsent, aber die letzten 10 Jahre so gut wie gar nicht mehr. Doch dass sie da war, das weiß sie noch. Jetzt muss ihre Tochter dahin, auch Chemotherapie, und auch ihr gefällt es wirklich gut da. Wenn schon Chemo, dann da.

Mutter vergisst hier zu Hause immer mehr, sie findet kaum noch den Weg ins Bad, weil sie einfach vergessen hat, wo das ist. Und sie will ständig nach Hause. Wenn man ihr sagt, aber Mutter, du bist doch hier zu Hause, dann sagt sie empört QUATSCH!! doch wo sie genau wohnt, das kann sie dann auch nicht mehr sagen, hier jedenfalls nicht.

Und wenn man nicht aufpasst, was sie tut, dann findet man zum Beispiel Vaters Kuchen in der Kramsschublade. Nichts kann man einfach so liegen lassen, weil sie es "sortiert" und wenn man nicht grad zufällig hinschaut, sortiert sie es sonstwohin.

Wie lange mag das hier zu Hause noch gehen? Vater will sie nicht in ein Heim geben, noch geht es. Noch kann er alles soweit bewerkstelligen, aber letzte Woche ist es das erste Mal passiert, dass wir nicht mitbekamen, dass sie auf Toilette musste. Wir passen schon so auf, aber es kann halt passieren, dass man auch dann mal was nicht mitbekommt. Sie hielt ihren Mittagsschlaf, wir hörten nichts und dachten, sie schlummert friedlich. Leider war dem nicht so. Eigentlich hören wir sie dann oben laufen, aber diesmal eben nicht. Und da sie den Weg ins Bad alleine nicht mehr findet...

...war die Reinigungsaktion hinterher entsprechend aufwändig. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo es nicht mehr funkioniert, wo Vater es nicht mehr tragen kann. Manchmal scheint dies in Siebenmeilenstiefeln herbeizueilen.

Alzheimer verändert alles im Zusammenleben, schlichtweg alles.
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Freitag, 6. Januar 2012

Mutters Reise in die Vergangenheit


Mutter war Zeit ihres Lebens eine kreative Frau, sie hat mit Stoffen, Papieren, Farben, Holz, Plastik, ach sie hat mit allem was gemacht, sie hat Kurse abgehalten und Ausstellungen gehabt. Jetzt sitzt sie oft am Tisch und will "arbeiten", aber mit was? Wir haben ihr nun Bastelspielzeug besorgt, sie hat sich gefreut wie ein Schneekönig, und nun ist sie beschäftigt und erzählt, oft mit Worten, die wir nicht verstehen, was sie da kreiert. Sie versinkt dann ganz in ihrer Vergangenheit.

Und wir stehen daneben und sind froh und traurig zugleich. Froh, dass es ihr dann gut geht. Traurig, was der Alzheimer aus ihr hat werden lassen.
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